Usability-Tests von mobilen Endgeräten und Apps in deutschen Pflegeheimen


Demantec hat die Benutzerfreundlichkeit von mobilen Endgeräten an Pflegebedürftigen in zwei deutschen Pflegeheimen getestet. Diese Tests zeigten, dass ein großes Potential für die Verbesserung des Wohlbefindens älterer Menschen, an Demenz leidend oder nicht, besteht, wenn sie Bilder teilen oder Videoanrufe führen können. Jedoch wird vor allem zu Beginn gute Unterstützung hierbei benötigt. 


Technologien wie Smartwatches, Smartphones oder Tablet-PCs haben das Potenzial, die Lebensqualität von Demenzerkrankten zu verbessern, wenn sie benutzerfreundlich sind (Nordheim, Hamm, Kuhlmey & Suhr, 2014). Studien fanden heraus, dass Menschen mit Demenz bereit sind, Technologien zu nutzen (Nordheim et al., 2014; Lim, Wallace, Luszcz & Reynolds, 2013). So verwendeten die dementen Bewohnerinnen und Bewohner Tablet-PCs um Musik zu hören, E-Mails zu versenden, Fotos oder Filme anzusehen oder zur Videotelefonie mit Angehörigen. Die Kommunikation und die sozialen Kontakte zu Angehörigen und Pflegepersonal konnten verbessert werden (Nordheim et al., 2014).

In einer weiteren Studie wurden demente Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner gebeten, Tablet-PCs eine Woche lang eigenständig zu nutzen. Der Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner gelang dies. Sollen Menschen mit Demenz Technologien nutzen, sind eine gute Einführung hinsichtlich der Technologien und eine gute Begleitung bei der Nutzung der Technologien, besonders zu Beginn, wichtig (Lim et al., 2013).

Im Rahmen der Usability-Tests im Projekt Demantec wurde ein explorativer Methodenmix genutzt, um Kenntnisse über die Nutzung und Nutzbarkeit der Kommunikationsplattform Life-Manager (via Tablet-PC und Smartphone) und Apps einer Smartwatch zu erlangen.

Daher wurde eine Kombination verwendet aus:

  • qualitativen Interviews bzw. Gesprächen mit Menschen mit Demenz über die mobilen Endgeräte inklusive ihrer Funktionen (vgl. Flick, Kardoff & Steinke, 2008),
  • qualitativen Beobachtungen der Reaktionen der Menschen mit Demenz auf die mobilen Endgeräte inklusive ihrer Funktionen (vgl. Flick, Kardoff & Steinke, 2008)
  • und der quantitativen System Usability Scale (Brooke, 1996).

Zehn pflegebedürftige Menschen und zehn Menschen mit Demenz in zwei deutschen Pflegeheimen wurden in die Forschung einbezogen. Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden gebeten folgende Szenarien auszuprobieren.

Module des Life-Managers
(10x via Smartphone, 10x via Tablet-PC)
Beschreibung des Szenarios
Album Szenario 1: Fotoalbum öffnen und Bilder ansehen.
Video Szenario 2: Einen Videoanruf annehmen und führen.
Nachrichten Szenario 3: Eine personalisierte Nachricht lesen.

Szenario 4: Die Nachricht beantworten.

Kalender Szenario 5: Den Kalender öffnen und einen Termin eintragen.
App und Funktionen der Smart-watch (20x) Beschreibung des Szenarios
Telefongespräch Szenario 6: Einen Telefonanruf entgegen nehmen.
Wetter App Szenario 7: Die aktuellen Wetterinformationen nachgucken.

Die Mehrheit der Menschen mit Demenz hatte noch nie ein Smartphone, eine Smartwatch oder einen Tablet-PC benutzt. Zwei Bewohner/innen geben an, ein Mobiltelefon zu besitzen, eine Bewohnerin sagt, dass dieses jedoch nicht genutzt wird. Pflegebedürftige Menschen ohne Demenz sind etwas affiner bezüglich der Nutzung von Technologien. Zwar geben sechs Bewohner/innen an, nie ein Smartphone oder einen Tablet-PC besessen zu haben, aber zwei Bewohner/innen besitzen ein Mobiltelefon, das speziell für ältere Menschen designt wurde, eine Bewohnerin nutzt ein herkömmliches Mobiltelefon, vier Bewohner/innen sind mit der Nutzung von Computern vertraut und zwei Bewohner/innen können ein Smartphone (teilweise) bedienen.

Im Allgemeinen sind Pflegebedürftige am Kalendermodul und am Nachrichtenmodul des Life-Managers stark interessiert. Sie konnten sich in den Modulen schnell orientieren. Weiterhin haben Pflegebedürftige und Menschen mit Demenz das Albummodul insgesamt positiv wahrgenommen und waren am Videomodul sehr interessiert. Pflegebedürftigen fiel die Nutzung des Videomoduls im Vergleich zu Menschen mit Demenz etwas leichter. Die Mehrheit der Menschen mit Demenz und der Pflegebedürftigen war fasziniert von der Möglichkeit einen Telefonanruf über eine Smartwatch zu führen.

Pflegebedürftige und Menschen mit Demenz wünschen sich im Allgemeinen, dass Texte und Symbole größer sind. Dies betrifft vor allem Smartwatches und Smartphones. Bilder und Videos wurden gut erkannt und die Bewohner/innen konnten ihre Gesprächspartner beim Telefon- bzw. Videoanruf gut verstehen. Für einige Menschen mit Demenz und Pflegebedürftige war es ungewohnt, einen Touchscreen zu benutzen; klicken und tippen war für einige Bewohner/innen eine Herausforderung, wohingegen das Wischen (Swiping) für die meisten Bewohner/innen wenig oder gar nicht problematisch war.

Menschen mit Demenz benötigten insgesamt mehr Unterstützung bei den Usability-Tests als Pflegebedürftige. Die Auswertung mit der System Usability Scale zeigt, dass die Benutzerfreundlichkeit in beiden Pflegeheimen unterschiedlich bewertet wurde. In einem der Pflegeheime konnte eine gute Nutzbarkeit festgestellt werden.

Schlussfolgerungen:

> Tablet-PCs sollten aufgrund der Vorteile ihres größeren Bildschirms eher verwendet werden als Smartphones.
> Bilder und Videoanrufe haben ein großes Potenzial, die Lebensqualität von Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohnern mit und ohne Demenz zu verbessern.
> Eine gute Unterstützung, vor allem zu Beginn der Nutzung neuer Technologien, ist sehr wichtig.
> Weitere Usability Tests sind nötig, um repräsentative Ergebnisse zu erhalten.

Weitere Informationen

Die Tests zur Benutzerfreundlichkeit wurden im Rahmen des Demantec Arbeitspacket 3 von der Flensburg University of Applied Science vorgenommen. Für weitere Informationen kontaktieren Sie gerne die Hochschule Flensburg: info@demantec.eu

Lesen Sie außerdem die Zusammenfassung des Meilensteinsberichtes im Arbeitspaket 3.3.

Literatur

Brooke, J. (1996). SUS: a ‚quick and dirty‘ usability scale. In P. W. Jordan, B. Thomas, B. A. Weerdmeester, & I. L. McClelland (Eds.), Usability Evaluation in Industry (pp. 189-194). London/Bristol: Taylor & Francis.

Flick, U., Kardorff, E. v., & Steinke, I. (2008). Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick. In U. Flick, E. v. Kardorff, & I. Steinke (Eds.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (pp. 13-29): Rowohlt Taschenbuch-Verlag.

Lim, F.S., Wallace, T., Luszcz M.A. & Reynolds, K.J. (2013). Usability of tablet computers by people with early-stage dementia. Gerontology. 59(2): 174-82.

Nordheim, J., Hamm, S., Kuhlmey, A. & Suhr, R. (2014). Tablet-PC und ihr Nutzen für demenzerkrankte Heimbewohner. Ergebnisse einer qualitativen Pilotstudie. Z Gerontol Geriat 2015. 48(6): 543–549.

Bild: thodonal88, Shutterstock

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