Technologien für mehr Nähe in der Betreuung von Menschen mit Demenz


Wie kann man durch den Gebrauch von Lebensgeschichten und mit Hilfe von Technologien mehr Nähe und eine höhere Lebensqualität im Leben schwächerer, älterer Personen erreichen, wenn sie im Pflegeheim oder in einer unterstützten Wohnsituation leben? – Demantec sucht die Antworten.


Von Ulla Skjødt, Lektorin, Ph.d.; Jacob Suhr Bisschop-Thomsen, Dozent; Sus Dambæk, Lektorin; Louise Støier, Dozentin; und Lone Holst Jensen, Dozentin, Professionshøjskolen Absalon (University College Absalon, Denmark) und Lars Jessen Mathiesen, CEO und Partner, Life-Partners.

Das Demantec-Projekt untersucht, wie technische Assistenzsysteme die Lebensqualität von älteren, demenzerkrankten Personen in Pflegeheimen in Deutschland und Dänemark sowie die ihrer Angehörigen verbessern können. Als Partner im Projekt schauen wir uns auch genauer an, wie technische Assistenzsysteme eine größere Jobzufriedenheit für Angestellte schaffen kann. Demantec wird durch Interreg finanziert und ist eine Zusammenarbeit zwischen dänischen und deutschen Organisationen, welches positiv zu verschiedenen Perspektiven auf technologische Lösungen und die Organisation im Alltag der Pflege von demenzerkrankten alten Menschen führt.

Neben den Feldarbeiten im Demantec-Projekt werden Ergebnisse der Dissertation ”Ældreliv i plejebolig – et studie af ældres autonomi- og livssituation i den politiske tilrettelæggelse af plejeboligens rammer” (”Das Leben im Pflegeheim – eine Studie der Autonomie und Lebenssituation unter Berücksichtigung der politischen Rechtsalge im Umfeld der Pflegewohnsituation”) von Ulla Skjødt, 2016 verwendet. In der Dissertation wird untersucht, wie politische Entscheidungen sich in der alltäglichen Praxis in Pflegeheimen durchsetzen und welche Bedeutung das für ältere Menschen hat.

Die Feldarbeit von Demantec und die Dissertation zeigen, dass es in der Praxis Interesse für die Lebensgeschichten älterer Menschen gibt. In Dänemark besteht sogar ein Anspruch hierauf: Die „Sundhedsstyrelse“ in Dänemark hat die „Lebensgeschichten“ auf die Tagesordnung gesetzt, und mehrere Gemeinden haben Mittel zugeteilt bekommen, um Projekte in Pflegeheimen zu beginnen, die sich mit dem Verfassen und Dokumentieren der Lebensgeschichten der Bewohner und ihrer Familien, ihrer Interessen, ihres Arbeitslebens und ihrer Werte befassen.

Inhalt und Struktur im Alltag

Die Idee ist, dass das Wissen der Mitarbeiter über die Lebensgeschichten der Bewohner sich positiv auf einen erfüllteren, strukturierteren Alltag auswirken kann. Die aufgeschriebenen Geschichten werden so zu einer Art Lebenslinie, die einen überschaubaren Zusammenhang schafft, wenn Bewohner sich nur schwer ausdrücken können oder aber sich zwar an etwas erinnern, jedoch nur schwer ihre Gedanken in einem Gespräch strukturieren können. Die zwei Feldarbeiten zeigen, dass Lebensgeschichten oft schriftlich zugänglich sind. Sie werden als digitale Datei gespeichert oder in Journalen oder eigenen Mappen aufbewahrt. Die Feldarbeit zeigt auch, dass es in der Praxis eine Herausforderung in der Umsetzung der Lebensgeschichtenidee gibt, diese „zum Leben zu erwecken“.

Dafür gibt es viele Gründe. In Dänemark zeigt sich unter anderem, dass Mitarbeiter im hohen Grade damit beschäftigt sind, physische Hilfe zu leisten. Dies sehen wir z.B. in Äußerungen wie: „Grethe wird mittwochs gewaschen“, „Donnerstag ist Putztag bei Poul“, „Morgenhygiene bei Ebba besteht aus der Achselwäsche, Windelwechsel und dem Entsorgen alter Windeln“.

Die erwähnte Dissertation zeigt, dass die Altenpflege in Dänemark auf Leistungen fokussiert ist. Es wurde politisch beschlossen, dass Pflegewohnungen als Mietwohnungen der Älteren gelten, was dazu führt, dass Personen in Pflegewohnungen mit Personen gleichgestellt werden, die im eigenen Zuhause leben. Dies zeigt sich ebenfalls in der Hilfe, die den Älteren geleistet wird. Das politische Argument für diese Auslegung der Hilfe ist, dass alle Älteren gleiche Rechte haben sollen, obwohl dies bedeutet, dass ältere Menschen als schwer hilfsbedürftig von der Gemeinde eingestuft werden müssen, um persönliche Hilfe zu erhalten.

Rahmenbedingungen der Pflege für ältere Demenzpatienten

In Dänemark bestehen die Aufgaben der Mitarbeiter hauptsächlich aus denen, die im Leistungskatalog der Gemeinde definiert sind, während die sozialen Aktivitäten überwiegend von Freiwilligen arrangiert werden. In Deutschland ist die Hilfe aufgeteilt, so dass einige Mitarbeiter in täglichen Pflegeaufgaben ausgebildet sind während andere für die täglichen Aktivitäten und das soziale Leben der Älteren sorgen.

Die zwei erwähnten Feldarbeiten zeigen, dass – obwohl Aktivitäten auf der Pinnwand hängen – sie nicht mit in der Planung der Altenpflege einbezogen werden. Beispielsweise erzählt Inge, dass sie singen liebt. Jedoch, dass an diesem Tag im Tagescenter gesungen wird, wurde nicht eingeplant, und die Begleitung dahin gehört nicht zu den Arbeitsaufgaben der Mitarbeiter. Hanne ist eine andere ältere Frau, die an Frontallappen-Demenz leidet und darum zur Wut tendiert. Sie erzählt lächelnd, dass heute vielleicht ein Freiwilliger oder eine Freiwillige mit ihr einen Fahrradausflug mit ihr macht, aber weder sie, noch die Mitarbeiter wissen es mit Sicherheit.

Eine digitale Plattform zur Koordination und Wissensaustausch

Die Frage ist deswegen, wie man die zwei Gruppen – Mitarbeiter / Freiwillige in Dänemark und Pflegekräfte / Betreuungskräfte in Deutschland – unterstützen kann ihre Funktionsbereiche so zu koordinieren, dass die Zusammenarbeit besser funktioniert und man dem einzelnen Bewohner besser entgegenkommt. Diese Zusammenarbeit könnte eine bessere Struktur, Wahrnehmung und einen Mehrwert für den Älteren im Alltag schaffen, welches zurück zum erlebten und gelebten Leben führt. Umso wichtiger wird dies, wenn die Erinnerung scheitert, die Gedanken unzusammenhängend sind und die Fähigkeit, Struktur zu schaffen und zu planen, nicht mehr vorhanden ist.

Wir möchten durch das Demantec-Projekt versuchen durch die Weiterentwicklung und das Testen einer digitalen Informations- und Kommunikationsplattform, die Informationen über das Leben, die Interessen und die sozialen Aktivitäten der Älteren enthält, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

Freiwillige und Betreuungskräfte sollen Zugang zu dieser Plattform haben und über sie automatisch eine Liste von Bewohnern, die Interesse an einer Aktivität haben können, abrufen können. Die Freiwilligen und Betreuungskräfte werden hierüber auch Kontakt zu anderen Mitarbeitern aufnehmen können, die die Lebenssituation des Bewohners kennen, und daher bewerten können, ob es für den Bewohner Sinn ergibt, an der Aktivität teilzunehmen.

Die Plattform bietet Mitarbeitern und Angehörigen ebenfalls einen Überblick über die stattfindenden Aktivitäten. So schafft sie einen Dialog zwischen Mitarbeitern, Freiwilligen / Betreuungskräften und / oder Angehörigen. Eine Dimension, die dazu beitragen kann, dass die Mitarbeiter, die die tägliche Pflege und praktische Aufgaben bewältigen, besser in das soziale Leben der Bewohner einbezogen werden.  Diese Nähe in der Pflege von Personen mit Demenz wird in beiden Feldarbeiten nachgefragt, um größere Zufriedenheit in der Arbeit zu erlangen.

Angehörige können ebenfalls in der Plattform integriert werden, damit sie einen Einblick in den Alltag ihres Ehepartners, Mutters oder Großvaters und so Ideen für eventuelle Gesprächsthemen erhalten können. Gleichzeitig meinen die Angehörigen, dass es ihnen ein größeres Gefühl von Sicherheit gibt, zu wissen, dass es wertvolle Aktivitäten im Alltag ihres Angehörigen gibt.

Überblick, Sicherheit und Freude an der Arbeit

Die untersuchte Technologie nennt sich Life-Manager. Erwartet wird von ihr, dass sie positiv zu einem wertvollen Inhalt im Leben des Demenzerkrankten beitragen kann, und dass sie durch mehr Struktur im Alltag eine bessere Lebensqualität verleihen kann. Die Angehörigen werden sehen können, ob die Betreuten an Aktivitäten oder sozialen Veranstaltungen teilnehmen und können eventuell ihre Besuche hiernach planen, welches auch zum verringerten schlechten Gewissen beitragen kann. Außerdem kann die digitale Plattform Mitarbeitern die Möglichkeit geben, im Alltag mehr Nähe zu den Bewohnern zu erreichen und somit deren Zufriedenheit steigern. So könnte die Plattform in vielen Bereichen unterstützen.

Wir wissen aber auch, dass es darüber hinaus einer weniger bürokratischen und weniger rigiden standardisierten Dokumentation der Arbeit des Personals erfordert, welches eine politische Herausforderung in der Organisation der Altenpflege in Zukunft ist.

Ob diese technologische Lösung positiv zum Alltag der Personen mit Demenz beitragen wird, werden wir bewerten können, wenn sie in der Praxis getestet wurde. Dennoch können wir bereits jetzt sagen, dass die Zusammenarbeit zwischen Altenpflege, privaten Unternehmen und Bildungseinrichtungen, worin auch Ältere und ihre Angehörigen miteinbezogen werden, sich als Unterstützung gezeigt und zu innovativen Maßnahmen beigetragen hat.

Weitere Information
Wünschen Sie weitere Informationen über die Feldarbeiten und die Arbeit mit Technischen Assistenzsystemen und Nähe in der Altenpflege, zögern Sie bitte nicht daran mit Ulla Skjødt, Lektor und PhD an der Professionshøjskolen Absalon, usk@pha.dk, in Kontakt zu treten.
Wünschen Sie weitere Informationen über die digitale Plattform Life-Manager, kontaktieren Sie bitte Lars Jessen, CEO, Life-Partners, T. +45 7315 1110, lmj@life-partners.com.
University College Absalon und das Unternehmen Life-Partners sind Partner im Demantec-Projekt, eine deutsch-dänische Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Gesundheitspersonal und Forschungs- und Bildungseinrichtungen, die daran arbeiten ein selbstständiges und würdiges Leben für Personen mit Demenz zu fördern und deren Pflege und Betreuung durch Technologie zu verbessern.

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