Demenzkranken Lebensqualität in sicherer Umgebung gewähren


Die Demenzstadt in Svendborg, Dänemark, ist als eine „Mini-Gemeinschaft“ speziell für Menschen mit Demenz eingerichtet. Ein Besuch der Stadt gab Inspiration dazu, wie mit den Herausforderungen durch Demenz auch mit einfachen Mitteln, Engagement, Freiwilligen und einer starken Philosophie begegnet werden kann. Sehen Sie hier die Bilder des Besuches.


Die Demenzstadt in Svendborg ist die Erste ihrer Art in Dänemark. Inspiriert durch das Demenzdorf De Hogeweyk in Weesp, Holland, wurde die Demenzstadt speziell für Menschen mit Demenz eingerichtet – eine kleine Stadt in der Stadt mitten in Svendborg. Im Herbst 2017 besuchten die Netzwerkpartner des Dänisch-Deutschen Projekts Demantec die Demenzstadt, um Informationen über die Einrichtung und die dahinterliegende Philosophie zu erhalten.

Die Demenzstadt ist in der alten Brauerei Svendborgs gelegen, welche zu Wohngebäuden, Gemeinschaftsräumen, einem Hof und einem abgelegenen Garten umgebaut wurde. Die Gartenanlage wird derzeit so umgebaut, dass bei den Bewohnern noch mehr die Sinne angeregt und die Wiedererkennung unterstützt werden.
Lesen Sie mehr über die Gartenanlage der Demenzstadt Svendborg: https://www.apmollerfonde.dk/projekter/svendborg-demensby/

Insgesamt leben in der Demenzstadt 125 Bewohner, verteilt auf 43 Seniorenhäuser, 56 Pflegewohnungen, 7 Entlastungsräume und 19 Wohnungen für Junge in psychischer Behandlung. Früher gab es hier auch ein Tageszentrum, wohin ältere Bürger Svendborgs kommen konnten um an Aktivitäten teilzuhaben. Diese Aktivitäten sind heute begrenzt, da sie sich als störend für die Ddementen Bewohner herausgestellt hatten. Die meisten Besucher des Tageszentrums werden jetzt zu anderen Angeboten in Svendborg vermittelt.

Die Projektleiterin der Demenzstadt Svendborg, Annette Søby, hieß die Teilnehmer von Demantec willkommen und gab eine kurze Einführung zu den Einrichtungen, bevor die Teilnehmer an einer Führung teilnahmen.

Die Arbeit in der Demenzstadt basiert auf einer starken Philosophie, freiwilligem Einsatz und Spenden. Es war eine freiwillige Entscheidung des Personals, ob sie lieber dort oder in einem „normalen“ Pflegeheim arbeiten möchten – denn es bedarf eines besonderen Einsatzes und Engagements um mit Menschen mit Demenz zu arbeiten. Aus diesem Grund bekam das Personal eine Fortbildung im australischen Pflegekonzept „Spark of life“. Zusammenfassend zielt dieses darauf ab, den Antrieb der Demenz erkrankten zu wecken, was wiederum dem Erhalt physischer und mentaler Gesundheit dient.
Lesen Sie mehr über das Konzept Spark of life: https://www.dementiafoundation.org.au/introducing-spark-of-life/description

Man muss eine Atmosphäre und Umgebung schaffen, welche die Bewohner kannten, bevor sie von Demenz betroffen waren. Im kleinen Laden der Demenzstadt gibt es immer Raum für ein freundliches Lächeln und ein gutes Angebot.

In der Demenzstadt gibt es ein kleines Café, ein Restaurant, ein Wellness Center, eine Musikbibliothek, eine Arbeitswerkstatt und einen gemütlichen Laden. Hier trifft man die Freiwilligen, welche Leben und Freude verbreiten. Auch Angehörige werden aktiviert und involviert, was großes Potential birgt die Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal zu stärken. Sowohl Bewohner als auch Angehörige und Besucher des Tageszentrums können im kleinen Laden einkaufen, hier kann man Kleidung, Bücher, Postkarten, Seife, Zahnpasta, Süßigkeiten und andere Erfrischungen finden.

Zur Mittagszeit keine Kunden im Frisörsalon. Wir dürfen kurz hereinblicken, da alle zum Mittag im Restaurant der Demenzstadt sitzen.

Es wird viel dafür getan, die Gemeinschaftsräume so gemütlich und heimisch wie möglich aussehen zulassen.

Überall in den Gemeinschaftsräumen der Demenzstadt wurden gemütliche Ecken zum Entspannen und Zusammensein geschaffen. Viele Teile der Einrichtung sind Spenden von Angehörigen und Bürgern Svendborgs. Insgesamt erfährt die Demenzstadt ein großes Interesse und Unterstützung der umliegenden Bevölkerung. „Wir versuchen es einem Heim, nicht einer Einrichtung, ähneln zu lassen.“ erzählt Anette Søby.

Einer der Hauptgedanken hinter der Einrichtung der Demenzstadt ist es, sinnvolle Aktivitäten zu schaffen, welche die Bewohner vom Verlassen des Geländes ablenken und sie stattdessen zum Bleiben „überlisten“. Genau wie andere Demenz-Pflegeheime ist die Demenzstadt davon betroffen, dass einige Bewohner Hinlauftendenzen zeigen. Der Ansatz ist, es in der Einrichtung interessant und heimisch wie möglich zu gestalten, so dass die Bewohner von sich selbst heraus gerne bleiben. Weiterhin findet man auch nur an einer Stelle, nämlich im Besucherzentrum, eine Tür, welche zudem mit dem Bild eines Regals getarnt ist. Auch aus diesem Grund gibt es keine falschen Bushaltestellen entlang der kleinen Straßen der Stadt, welche in eine Gartenanlage übergehen.

”Wir haben dies viel besprochen. Wir wissen, dass viele dies machen (eine falsche Bushaltestelle aufstellen, Anmerkung der Redaktion). Und diese behaupten, dass das einen Unterschied ausmacht. Unserer Meinung nach, gibt es keinen Grund zu betrügen. Es kommt ja kein Bus. Wir richten alles so ein, dass die dementen Bewohner Lust bekommen einen Spaziergang zu machen: im Garten mit einem See, zum Gemüsegarten oder zum Wohnwagen, welcher aufgestellt wurde, da einige Bewohner früher aktive Camper waren.“ erzählt ein Mitarbeiter der Demenzstadt.

Das komplette Areal ist Verkehrsbefreit, damit die Bewohner sicher, auch alleine, spazieren gehen können.

Die komplette Demenzstadt ist umzäunt. Entweder mit grünen Hecken und Büschen, Gebäuden und Garagen oder mit einem 1,5 Meter hohem Zaun. In Dänemark erlaubt der Gesetzgeber zwar nicht, dass Personen eingeschlossen werden, die keine Kriminellen sind. Deshalb ist die Umzäunung auch nicht höher als man übersteigen könnte, wenn man wollte. Stattdessen gibt es aktive Unternehmungen um die Aufmerksamkeit der Bewohner vom Herausgehen abzuwenden und sie zu motivieren auf dem Gelände zu bleiben.

In der Gartenanlage finden wir einen Hühnerstall und 5-6 freigehende Hühner. Sie werden von Ove gepflegt – und ja, sie besuchen ihn auch in seiner Wohnung.

Eine der Vorzeigegeschichten der Demenzstadt ist die Geschichte des 58 jährigen Ove. Er flüchtete zunächst oft, als er in die Demenzstadt kam. Jetzt pflegt er seine Hühner. Ove hat eine Vergangenheit als Gärtner und mit der Hilfe des Personales hat er jetzt die Möglichkeit bekommen seinen Interessen an Garten und Tieren weiter nachzugehen: eine bedeutungsgebende Aktivität.

”Ove war von Anfang an dabei. Er hat dabei mitgewirkt und erklärt, wie der Hühnerstall aussehen sollte und hat dabei geholfen ihn mit einigen Freiwilligen zu bauen. Der Stall ist seines. Er hat das Gefühl, dass er ihm gehört. Wir haben zwei leitende Angestellte, die gerne kommen und mir erzählen, dass es also nicht sie sind, die Ove angeregt haben, die Leitern zu reparieren und Unkraut zu entfernen. Jeden Tag geht er mit den Eiern, welche die Hühner gelegt haben, hinüber zum Tageszentrum. Als nächstes will er gerne eine Steinumzäunung bauen.“ erzählt ein Mitarbeiter der Demenzstadt.

Bewohner werden nicht eingeschlossen, aber es ist nicht gerade einfach heraus zu kommen. Der Eingang ist hinter einigen Türen und Gängen versteckt und am eigentlichen Ausgang hängt ein Chip der zum Öffnen des Haupteingangs gescannt werden muss.

Die Demenzstadt in Svendborg eröffnete im November 2016. Lesen Sie mehr darüber auf Svendborg.dk.

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